Prequel
Ich wurde 1963 in Aschaffenburg geboren. Im selben Jahr gelangten die vier Freunde Silen, Satyr, Hermes und Fortuna in Form von Repliken antiker Gartenskulpturen aus dem Garten von Schloss Thürnhofen in Feuchtwangen in den Aschaffenburger Pompejanumsgarten. Von hier aus blickten sie lange Jahre auf den Main und beobachteten mich beim Trainieren im Kajak, Baden oder Schwarzangeln. Ich kenne sie schon ewig: im Sommer als Beobachter am Main und im Winter im Holzverschlag. Wir sind sozusagen per Du.
Mitte der Achtzigerjahre entzog ich mich ihren Blicken und verließ Aschaffenburg in Richtung Norden mit einem Zwischenstopp in der Rhön, um bei der Bundeswehr das Schreibmaschinenschreiben mit Marschmusik zu lernen.
Danach ging ich nach Braunschweig und begann das Kunststudium. Ich war an der Gründung einer Künstlergruppe nebst Galerie beteiligt und veranstaltete den 1. Internationalen Tag des Saxofons auf der Laderampe der Hochschulmensa, womit ich mich um die musikalische Völkerverständigung von Untermain und Harzvorland verdient machte. Anschließend Berlin, kurz bevor eigentlich jeder aufstrebende Künstler da hin wollte. Dort habe ich 1993 das Studium beendet.
Es folgten einige Anstellungen an den Kunsthochschulen und Universitäten der Welt, Preise und Stipendien sowie Ausstellungen, was man halt als Künstler so macht. Darunter wichtige Ausstellungen wie „Aschaffenburg. Ein Stadtmodell“ (Neuer Kunstverein Aschaffenburg, 1996), „REAKTOR“ (Kornhäuschen, 2010), „Los der Kybernetik“ (Neuer Kunstverein Aschaffenburg, 2016), „Cover Your Darlings“ (Kornhäuschen, 2021). 2002 bearbeitete ich die Ascheberger Sprüch´ von Gustav Trockenbrodt und wandelte sie um in eines meiner wichtigsten Digitalkunstwerke.
Die vier steinernen Freunde verbrachten die folgenden Jahre wie gehabt mit Blick auf den Fluss im Schloßgarten bis sie, nach einem Kuraufenthalt im Depot, eine neue Anstellung als Wärterin und Wärter des Glashauses im Innenhof der Kunsthalle fanden.
Sequel
Ich wurde eingeladen, eine künstlerische Arbeit im Glashaus zu erarbeiten, und die steinernen Freunde meiner Kindheit und Jugend sind auch dabei. Silen, Satyr, Hermes und Fortuna befinden sich auf einer Umlaufbahn um das Glashaus – wenn meine Informationen zutreffen, dann in gleichen Abständen auf den Diagonallinien des quadratischen Glashauses. Bedrohlich! Zumindest formal und architektonisch. Man kann keinen Mucks machen, nicht einfach Kunst aufhängen – in einem Glashaus sowieso nicht ohne Paranoia und die Vorstellung, dass die zu Stein gewordenen Wächter jeden im Glashaus mit ihren Blicken ebenfalls in Stein verwandeln. Da hilft nur ein Bannfluch, eine Neidfratze oder eine Abwehrbeschwörung. Oder das genaue Gegenteil: eine Einladung zu Spiel und Tanz. Oder beides. Mal sehen, ich lasse es auf mich zukommen.
MW 2026